Die neue Bedeutung von Logistikstrategie: Rolle, Erfolgsfaktoren und Integration

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Als Executive Product Manager bei KNAPP treibt Bernd Stöger die strategischen Innovationen in den Bereichen Software und Value Chain Solutions voran. Im folgenden Interview beleuchtet er die neuen Herausforderungen und Möglichkeiten für Unternehmen in unserer rasend schnellen, digitalisierten und sich ständig verändernden Welt. Er ist überzeugt, dass die Bottom-Up-Integration einer auf das Unternehmen maßgeschneiderten Logistikstrategie der Schlüssel zum Erfolg ist. Was das bedeutet? Lesen Sie hier!

Bernd Stoeger, Executive Product Manager bei KNAPP, ist überzeugt von der Bottom-up-Integration
Bernd Stoeger, Executive Product Manager, KNAPP AG

Herr Stöger, die Welt verändert sich und mit ihr die Art und Weise, wie wir Geschäfte machen. Was führt Unternehmen heutzutage noch zum Erfolg?

Bernd Stöger: Unternehmen sind dann erfolgreich, wenn sie es schaffen, eine Idee groß werden zu lassen und eine Organisation zu schaffen, die dies unterstützt. Dazu benötigen sie die Fähigkeit, sich umgehend anzupassen, ihr Angebot schnell auf den Markt zu bringen und Marktveränderungen für sich zu nutzen. So hat die Covid-Pandemie beispielsweise sehen lassen, welche Unternehmen in der Lage waren, auf den unplanbaren, immensen Anstieg im Online-Handel umgehend zu reagieren. Sie alle wuchsen innerhalb weniger Jahre enorm und machten Milliarden Umsatz.

Was unterscheidet die Gewinner der Covid-Pandemie von den weniger erfolgreichen Mitbewerbern?

Bernd Stöger: Sie betrachten Logistik nicht mehr als Support-Prozess in der Unternehmensorganisation. Egal, ob es sich um einen Pure Online-Retailer, einem Start-up oder ein aus dem stationären Handel etabliertes Unternehmen handelt. Auch die Dauer seinen Bestehens ist nicht ausschlaggebend. Erfolgreiche Unternehmen nutzen Logistik als Kernprozess und Enabler neuer Geschäftsmodelle sowie als Möglichkeit, sich mit einem besseren Service-Level, wie zum Beispiel Same-Day-Delivery, bei ihren Kunden zu differenzieren.

Die Vorteile, der Logistikstrategie mehr Bedeutung zu geben und in neue Strukturen, Prozesse und Technologien zu investieren, liegen Ihrer Meinung nach auf der Hand. Können Sie uns ein paar Beispiele von Unternehmen nennen, die von einem Umdenken in der Logistik profitiert haben?

Bernd Stöger: Ja sicher. So hat es der australische Retailer Woolworths wenige Jahre nach dem Einstieg ins Online-Geschäft geschafft, heute mit einem Volumen von rund 2 Mrd. US$ und einem Marktanteil zwischen 15 und 20% den australischen Online-Markt im Bereich Food & Personal Care zu dominieren. Auch der als Department Store bekannte englische Retailer John Lewis macht heute über 60% des Umsatzes online. Er zählt somit zu Großbritanniens größten Online-Store im Bereich Fashion, gefolgt von Next, Sainsbury’s, ASOS und Marks & Spencer. Ähnlich sieht sie Situation bei Deutschlands größtem Fashion Online-Store Zalando aus. Mit über 2,7 Mrd. US$ Umsatz und einem Wachstum von über 20% jährlich über die letzten Jahre hängt er seine Mitbewerber leicht ab. Nicht zu vergessen ist Walmart als größter Retailer weltweit, der in den USA 2021 im Online-Geschäft mit einem Wachstum über 70% einen Umsatz von 43 Mrd. US$ realisieren konnte.

Egal ob Walmart, Woolworths oder Zalando – alle betreiben sehr erfolgreich ihr Logistiknetzwerk. Dabei setzen sie auf den Einsatz von umfassenden und intelligenten Software-Tools und steuern ihr Wachstum kombiniert mit einer klaren Automatisierungsstrategie.

Was macht nun eine Logistikstrategie zu einem echten Wettbewerbsvorteil?

Bernd Stöger: Die 3 wichtigsten Faktoren, die es bei der Erarbeitung der richtigen Strategie zu bedenken gibt, sind:

  1. Die richtige Positionierung der Logistikstrategie

Die Logistikstrategie ist eng verknüpft mit der Unternehmensstrategie. Dementsprechend sollte sie im Unternehmen verankert und im Organigramm prominent platziert sein. Beispielsweise werden die Verantwortungen für Sales und Operations für die unterschiedlichen Kanäle gebündelt. Kürzlich wurde dazu bei Walmart US die Organisation angepasst: Der Präsident und CEO John Furner erklärte, dass die neue COO-Rolle Store Operations und Supply Chain kombiniert. Im Zentrum stehen Transformation der End-to-End-Arbeitsweise und das Angebot eines nahtlosen Shoppingerlebnisses.

  1. Das passende Design des Logistiknetzwerks

Dabei ist darauf zu achten, wie man ein Logistiknetzwerk aufbaut oder adaptiert, welches sich ständig weiter verändern wird und wo eine Vorhersage schwer ist. Eine Stärke von Unternehmen ist es, mit einem klaren Nutzenversprechen zu definieren, wie sie sich positionieren wollen. Daraus leiten sie den Ansatz zum Design des Logistiknetzwerks ab. Wie soll das Distributionsnetzwerk aussehen, welche Aktivitäten sollen kombiniert werden und wie sieht der Service-Level aus? Woolworths stellt dafür das Thema Convenience in den Mittelpunkt und das möglichst gleich für alle Kunden, egal ob sie in einer Metropole wie Melbourne oder im Outback wohnen. So erklärt Amanda Bardwell, Managing Director von WooliesX als Teil der Woolworths Gruppe: “Auch wenn wir in neue Fulfillment-Zentren investieren, bleiben lokale Geschäfte das Herzstück unseres Online-Betriebs. Wir können unseren Kunden schnellere Lieferoptionen am selben Tag und auf Abruf sowie bequeme Abhollösungen anbieten.“

  1. Automatisierung von Prozessen

Eine Online-Strategie führt mittlerweile selten zum Erfolg, wenn ein Unternehmen nicht zumindest bis zu einem gewissen Grad digitalisiert ist und so denkt. Die Digitalisierung der Unternehmensprozesse und eine saubere Integration sind essenziell, um in einer Omnichannel-Welt erfolgreich zu sein. Das gilt gleich für die Integration zwischen stationären Geschäften und dem Webshop wie auch in den Distributions- und Fulfillment-Zentren. Eine saubere Integration ermöglicht es, schnell und flexibel zu wachsen. Dabei ist es egal, ob man im Zuge des Wachstums von einem manuellen eCommerce Lager ausgehend automatisiert, man aus einem Lager für die Filial-Belieferung ein automatisiertes Omnichannel-Lager macht oder Standort-Konzepte über ein Logistiknetzwerk ausrollt.

Und wie sollten Unternehmen bei der Integration einer Logistikstrategie vorgehen?

Bernd Stöger: Hier stehen Unternehmen grundsätzlich 2 Ansätze zur Verfügung: entweder den oft eingesetzten Top-Down-Ansatz oder die modernere Bottom-Up-Lösung.

Der Top-Down-Ansatz: was ist das und worauf ist dabei zu achten?

Bernd Stöger: Beim Top-Down-Prinzip geht das Systemdesign vom Groben ins Feine. Es wird anhand der Geschäftsanforderungen vom hierarchisch höchsten System eine Anbindung an untergeordnete Systeme gemacht. Etablierte Werkzeuge zur Planung und Steuerung der Supply Chain und einzelner Standorte werden verwendet – egal ob am Point-of-Sale, für das Lager oder den Transport. Allerdings hat die Automatisierung in Lagern während den letzten Jahren stark an Relevanz zugelegt. Um deren Potenziale richtig zu nutzen, ist die Integration zwischen Supply Chain und WMS in Richtung WES/WCS Funktionalitäten und Lagertechnik (MHE) entscheidend. Der Top-Down-Ansatz unterstützt die Anforderungen an eine hohe Dynamik oft nicht. Mit einer Anbindung des MHE nach dem Black-Box-Prinzip bleiben Potenziale ungenutzt. Effizient Same-Day oder On-Demand zu liefern sowie in einem verteilten Netzwerk zu entscheiden, von welchem Standort aus eine Lieferung am günstigsten erfüllt werden kann, wird schwierig. Die Folgen kommen dem Unternehmen oft teuer zu stehen. Die Gründe können vielfältig sein:

  • Bereithalten von Kapazitätsreserven
  • Lieferversprechen können nicht wie gewünscht erfüllt werden
  • Organisation ist dauerhaft mit Workarounds im Ausnahmenzustand

Obwohl in den letzten Jahren eine Entwicklung zu beobachten ist, dass sich vereinzelt etablierte Software-Hersteller im Lager top down aus ERP, WMS in Richtung WES und WCS weiterentwickeln, haben sie jedoch einen großen Nachteil. Sie binden MHE lediglich an, aber können sie nicht voll einbinden. Dies ist neben den technischen Integrationsmöglichkeiten auf das wenig verwurzelte Domänenwissen zur Automatisierung zurückzuführen.

Wenn der Top-Down-Ansatz mit Vorsicht zu genießen ist, raten Sie dann die Logistikstrategie nach dem Bottom-Up-Prinzip zu integrieren?

Bernd Stöger: Ja, meine Wahl fällt klar auf die Systemintegration nach dem Bottom-Up-Prinzip. Das ist auch jenes Prinzip, welches wir bei KNAPP anwenden. Es umfasst die Integration von intelligenter Maschinensteuerung über WCS und WMS bis in die Supply Chain mit Schnittstellen Richtung ERP oder Webshop, wie sie beispielsweise durch die KiSoft angeboten wird. Der technologische Wandel im letzten Jahrzehnt hat enorme Potenziale mit sich gebracht. Nur ein Beispiel ist die Kombination von IOT mit Cloud-Technologien. Unter Anwendung von künstlicher Intelligenz bieten sie neue Möglichkeiten, um auf Gegebenheiten zu reagieren und daraus zu lernen. Um die Potenziale der Technologien in der Systemintegration zu nutzen, ist es relevant, die daraus entstehenden Informationen auch jederzeit in die Entscheidungsfindung einbeziehen zu können.

Systemarchitekturen, die Bottom-Up-Integration unterstützen, bieten eine Verbesserung bei Aspekten wie:

  • Dynamik, um operativ jederzeit gesamtheitlich und situativ reagieren zu können
  • Transparenz, um taktisch und strategisch richtige Entscheidungen zu treffen
  • Vernetzung von Mensch und Maschine
  • Nutzung von Maschinen wie Robotics, AMRs, Shuttle-Systemen, usw.
  • Geschwindigkeit und Qualität der Implementierung neuer Geschäftsanforderungen

Oliver Kraftsik, Vice President International Logistics bei ASOS.com, hat erst kürzlich die Modernisierung eines Lagers mittels intelligenter Logistik-Software von KNAPP erfolgreich abgeschlossen. Er ist ebenfalls vom Bottom-Up-Ansatz überzeugt: „Wer ernsthaft E-Commerce betreiben will, braucht Daten. Mit einer smarten Datenbasis können wir aktuelle Anforderungen wie den Black Friday, aber auch zukünftige Anforderungen des E-Commerce meistern.“

Was ist bei der Wahl eines Logistikanbieters für eine erfolgreiche Bottom-Up-Integration zu beachten?

Bernd Stöger: Damit eine solche Integration für das Design gesamter Netzwerke tatsächlich funktioniert, ist bei der Wahl eines Logistikanbieters genau hinzuschauen. So wie wir bei KNAPP muss der richtige Partner Domänenwissen im MHE aufweisen, aber genauso gut ohne Automatisierung funktionieren. Zum anderen ist die Unabhängigkeit essenziell, um verschiedenste Hersteller integrieren zu können. Erst die notwendige Offenheit in der Architektur kann eine Logistikstrategie – und letztendlich das Unternehmen – zum Erfolg führen.

Vielen Dank Bernd Stöger für das Interview!

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Über Bernd Stöger

Bernd Stöger ist als Executive Product Manager bei KNAPP verantwortlich für die Bereiche Software und Value Chain Solutions. Bernd besetze bei KNAPP über 17 Jahre bereits unterschiedliche Rollen sowohl im Headquarter in Österreich als auch in der brasilianischen Niederlassung. Davor sammelte er Erfahrungen unter anderem bei BMW in der Automobilindustrie. Er hat einen Studienabschluss in Industrial Management an der University of Applied Sciences FH Joanneum in Österreich und dem OAMK in Finnland, darüber hinaus ist er European Certified Logistician in Senior Management Level.

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Maria Poelzl
Content & Communications Manager
Welche Trends bewegen die Retail-Branche? Wie lassen sich neue Anforderungen in individuelle Automatisierungslösungen übersetzen? Zu diesen Themen recherchiert und bloggt Maria für Sie.

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